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Gott wird Mensch – und zwar für alle!

Quelle: inspiredbyjesuslove (pinterest)

Wer etwas genauer in die Bibel schaut, wird bemerken, dass es dort nicht eine, sondern zwei Geschichten gibt, die uns über die Geburt Jesu berichten. Sowohl der Evangelist Lukas als auch der Evangelist Matthäus erzählen die Ereignisse um diese Heilige Nacht – nur eben auf ganz unterschiedliche Weise. Sie erzählen es eben so, wie sie es gehört haben, wie es ihnen erzählt wurde. Und doch sagen beide die Wahrheit!

Bei Matthäus kommen Sterndeuter aus dem Osten, aus dem Morgenland. Sie sind einem Stern gefolgt, der sie letztlich zu dem Haus in Betlehem führt, wo das Christuskind geboren wurde. Dort huldigen sie dem Kind und überbringen ihm die uns allen bekannten Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Bei uns sind aus diesen Sterndeutern Könige geworden – und zwar drei an der Zahl. Die Zahl wurde an den Geschenken festgemacht: Drei Geschenke, also auch drei Personen. Zu Königen wurden sie wiederum, weil man davon ausging, dass nur Könige solch prächtige Geschenken mitbringen konnten. Darüber hinaus meinte man in den Sterndeutern die Könige aus Ps 72 und Jes 60 zu erkennen.

Bei Lukas wiederum ist schon der Beginn der Geschichte ein anderer. Maria und Joseph sind nicht in Betlehem beheimatet, sondern ziehen von ihrer in seiner Erzählung genannten Heimat Nazareth zum Zwecke einer Volkszählung nach Betlehem, in die Heimatstadt Josephs. Auch bringt Maria Jesus nicht in einem Haus, sondern in einer Futterkrippe zur Welt. Und es sind die Hirten, denen ein Engel die frohe Botschaft verkündet. Daraufhin machen sie sich auf den Weg zur Krippe und huldigen dem Neugeborenen.

Beim genaueren Hinsehen merkt man erst wie sehr sich die Perspektiven der beiden Evangelisten doch unterscheiden: Bei Mt sind es die großen Könige aus fernen Ländern und damit die Reichen und Mächtigen dieser Welt, die einen aufgehenden Stern entdecken – damals ein Himmelsphänomen, dass (so glaubte man) ein wichtiges historisches Ereignis ankündigte –, einen weiten Wege zurücklegen und wertvolle Gaben mitbringen, um dem Herrn der Heere zu huldigen. Bei Lukas sind es die kleinen und armen Hirten, die Unbedeutenden des Volkes, an die niemand denkt und die jeder verdächtigt, wenn etwas Schlimmes passiert. Und diesen erscheint ein Engel, ein Bote Gottes, auf dem Feld und verkündet ihnen die Nachricht der Geburt des Erlösers. Unterschiedlicher könnten zwei Geschichten kaum sein.

Ich denke, wir sollten dankbar sein, dass beide Evangelisten die Weihnachtsgeschichte auf ihre je eigene Art und Weise aufgeschrieben haben. Denn eins ist – so meine ich – doch ganz deutlich geworden: Gott ist für alle Mensch geworden, für Arm und Reich, für Groß und Klein. Auch offenbart sich Gott auf ganz vielfältige Weise, jedem Menschen anders. Dem einen begegnet Gott in einem Fremden, dem anderen in der größten Not, wieder einem anderen in einer persönlichen, beglückenden Erfahrung.

Das Wichtige dabei ist, dass wir offen und bereit sind, Gottes Ruf zu hören und seinen Worten Raum zu geben. Ich glaube nicht, dass Gott sich in der heutigen Zeit weniger offenbart als noch vor 1000 Jahren, wie mancherorts versucht wird, den Rückgang des Glaubens zu rechtfertigen. Ich bin davon überzeugt, die Menschen waren damals einfach nur empfänglicher für sein Wort. Unsere Aufgabe kann es also nur sein, Gott wieder mehr Raum zu geben, damit er bei uns wirken und bei uns ankommen kann. Und diesen Raum gibt uns die Adventszeit: zur Ruhe kommen, sich zurücknehmen und sich wieder auf das Wesentliche ausrichten und damit auf das Gemeinsame in beiden Weihnachtsgeschichten: auf das Kind in der Krippe, auf dieses Kind, in dem sich Himmel und Erde berühren und vereinen. Gott wird Mensch!

Pastoralpraktikant Michael Gutting