Weihnachten – Blickwechsel
In einem Weihnachtslied, das die Geburt Jesu Christi, des kleinen Kindes, preist, heißt es in der letzten Strophe: „Das Kind zu mir die Äuglein wandt, mein Herz gab ich in seine Hand.“
Im Geheimnis der Weihnacht geht Gott ein großes Wagnis ein: im kleinen Kind verzichtet Gott auf seine ganze Macht. Er macht sich leer, um uns Menschen zu begegnen. Die Geburt Jesu Christi, wie wir sie als Christen feiern, ist ein göttliches Gegenspiel zu den Machenschaften dieser Welt. In unseren menschlichen Denk- und Lebensweisen „rüsten“ wir uns auf und machen uns groß, um vermeintlich Wichtiges zu erreichen. Das Geheimnis des kleinen Kindes stellt menschliche Vorstellungen von Stärke und Macht auf den Kopf. Wenn wir uns dem Kinde nähern und uns in die Niedrigkeit des Stalles hinein bücken, kann es auch uns geschenkt werden, dass ein Kind uns anschaut und seine Äuglein auf uns richtet. Und welch ein Glück, dass ein solcher Blick uns ins Herz treffen kann! Dieser Blick ist ein rettender Blick; denn er begegnet uns ohne Vorbehalt und Vereinnahmung. Wir dürfen da sein, so wie wir sind, und erfahren uns ganz neu.
In seinem Lied „Ich steh an Deiner Krippe hier“ fasst der gläubige Dichter Paul Gerhardt diese Erfahrung in schöne Worte. Er schreibt, und wir singen es mit inniger Stimme: „Ich sehe Dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ Weihnachten lädt zu einem Blickwechsel ein. Wir werden aufgerufen (von den Engeln?), uns vom rettenden Blick Jesu bis ins Herz treffen zu lassen und dabei heilsam zu erfahren, dass wir mit ewiger Liebe angenommen sind. Und das Fest wird ganz besonders, wenn wir uns gegenseitig diesen Blick der Aufmerksamkeit weiter – schenken.
Vom diesem kleinen Kind ermutigt, können auch wir es wagen, unser Herz zu öffnen: vor Gott und voreinander. Wir leben von diesem Blick der Aufmerksamkeit.
Die Philosophin Simone Weil, der ich viel verdanke, sagt: „Die Liebe ist der Blick der Seele.“ Das ist das tiefste Geheimnis der Menschwerdung Jesu: Gott schaut uns liebevoll an und verwandelt uns, wenn sich unsere Blicke berühren.
Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr 2026.
Ihr Dompfarrer Matthias Bender