Herbst
Im Herbst trägt die Natur ihr buntes Kleid. An einem Herbsttag bei einem Spaziergang die letzten warmen Sonnenstrahlen zu genießen, die farbenfrohen Blätter der Bäume zu bewundern und die frische klare Luft zu atmen, kann ein ganz besonderes Erlebnis sein. Für einige ist der Herbst – die Zeit der Rückschau, der Ernte und der zunehmenden Stille – die schönste Zeit des Jahres. Andere sehen dem Herbst eher sorgenvoll entgegen. Sie assoziieren den Herbst mit der Erwartung des kommenden Winters, mit Abschiednehmen und zunehmender Dunkelheit.
Wenn wir versuchen, uns gedanklich in den Baum hineinzuversetzen, der uns die wunderbar bunten Blätter schenkt, wie würde der Baum selbst den Herbst empfinden? Welche Gedanken könnten wir ihm zuschreiben?
Da ist zum einen die Erkenntnis, dass der Sommer vorbei ist. Das Licht wird schwächer, die Sonne liefert nicht mehr so viel Energie. Nicht alle Blätter, die im Frühling und Sommer gewachsen sind, können jetzt noch versorgt werden. Es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Zum anderen ist da die Erfahrung, dass die eigene Kraft nachlässt, dass manches nicht mehr möglich ist. Es kann nicht einfach alles so weitergehen wie bisher.
Diese Gedanken kommen uns vielleicht vertraut vor. Wenn wir uns umhören, in unserer Gesellschaft, unserem Bekanntenkreis oder unserer Kirche, begegnen uns oft dieselben Sätze. Es geht um wachsende Anforderungen im Beruf oder um fehlende Zeit für ein aufmerksames Miteinander. Da sind die sinkenden Zahlen der Gemeindemitglieder und die daraus resultierende zunehmende Belastung von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in unseren Pfarreien. Wir spüren, dass wir als Gläubige in unserer Gemeinde, unserer Pfarrei und als Kirche im Ganzen in Zukunft nicht mehr alle Dinge so weiterführen können, wie wir das bisher gewohnt waren. So wie der Baum im Herbst nicht mehr alle seine Blätter versorgen kann, so spüren auch wir, dass wir uns von manchem trennen müssen.
Der Baum bereitet sich bewusst drauf vor, seine Blätter abzuwerfen. Dieses Abwerfen der Blätter ist kein Aufgeben, kein Resignieren oder ein „sich still in sein Schicksal fügen“. Es geschieht im Ausblick auf den Frühling, es ist geprägt von der Hoffnung auf ein neues Aufblühen. So zieht der Baum die Nährstoffe, die ihm am wichtigsten sind, aus den Blättern. Er speichert sie im Inneren und in den Knospen, die er an den kahlen Zweigen anlegt. Darin liegt auch der Grund für die Farbigkeit der Blätter im Herbst, denn der Baum zieht das Chlorophyll – den grünen Blattfarbstoff – aus den Blättern. In den Blättern selbst bleiben andere Farbstoffe zurück, die dem Baum weniger wichtig sind und den Blättern, da das Grün nun fehlt, die bunten Farben verleihen.
Welche „Nährstoffe“ ziehen wir aus unseren „Blättern“, bevor wir uns von ihnen trennen? Was sind unsere „wichtigsten Nährstoffe“, die wir in unserem Innern, in unserem Herzen speichern wollen? In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth macht uns Paulus einen Vorschlag: Wie wäre es mit „Glaube, Liebe und Hoffnung“?
Wenn wir noch einmal auf den Baum schauen, so können wir von ihm noch etwas anderes lernen. Er zeigt uns, dass wir unsere „Nähstoffe“ nicht einfach nur in unserem tiefsten Inneren einschließen sollen, sondern wir sollen sie auch in unseren „Knospen“ speichern, um für das neue Leben bereit zu sein. Unsere „Knospen“ können ganz unterschiedliche Früchte hervorbringen sofern sie bereit sind, sich dem neuen Licht im Frühling zu öffnen. Manchmal wissen wir nicht im Voraus, welche Früchte sich aus unserem Glauben, der Liebe und der Hoffnung entwickeln werden. Der Baum legt im Herbst, im Ausblick auf den Winter – die schwerste Zeit für die Natur – an seinen Zweigen neue Knospen an. In der Hoffnung auf den Frühling hält er sich bereit. Und so wie der Baum den Frühling erwartet, so dürfen auch wir voller Hoffnung in die Zukunft schauen und der Zusage Jesu trauen, wenn er uns ganz am Ende zusichert „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)
Eric Zander