STABAT MATER Konzert zur Passion
„Stabat Mater dolorosa“ – voller Schmerzen steht die Mutter Jesu am Kreuz und weint. Sie weint über den Tod ihres Sohnes, im Sinne eines zutiefst menschlichen ‚Mit-Leidens‘, das aber schon die Erlösung der Menschen durch den Kreuzestod mitdenkt. Denn Maria weint auch, weil sich am Kreuz unter Schmerzen die Geburt der Kirche vollendet. Dieser Gedanke mag uns heute fremd vorkommen, war aber im Mittelalter weit verbreitet und im heilsgeschichtlichen Denken verortet: Maria hat nicht nur Christus als Haupt der Kirche geboren, sondern auch den Leib, also die Kirche selbst. Ihre Freude darüber kommt in dem beinahe zeitgleich entstandenen Hymnus des Stabat Mater preciosa zum Ausdruck. Im Stabat Mater dolorosa fällt der Blick von der weinenden Gottesmutter auf den Betenden, der selbst Anteil haben will an dem Leiden und der dessen Tiefe mitempfinden möchte. Am Ende steht schließlich die Bitte um das ewige Leben, eine Hoffnung, die sich unmittelbar aus dem Leiden und Sterben Jesu Christ ergibt, aus seinem Tod für uns Menschen.
Karl Jenkins, 1944 in Wales geboren, hat in seinem 2006-2007 komponierten Stabat Mater die 20 Strophen des mittelalterlichen Textes im lateinischen Original aufgegriffen, sie aber mit weiteren Texten und Sprachen kombiniert. Zwischen den Strophen 1-4 (1. Cantus lacrimosus), 5-10 (3. Vidit Jesum in tormentem), 11-14 (5. Sancta Mater), 15 (8. Virgo Virginum), 16-17 (11. Fac, ut portem Christi mortem) und 18-20 (12. Paradisi Gloria) sind sechs weitere Texte eingeschoben, die die Thematik des Stabat Mater weiterdenken und in den Sprachen Englisch, Aramäisch, Hebräisch und Griechisch auf die Zeit Christi verweisen: Nr. 2 (Incantation) greift auf traditionelle liturgische Anrufungen zurück, Nr. 4 (Lament) ist die Vertonung eines Gedichts von Jenkins‘ Ehefrau Carol Barratt, Nr. 6 (Now my life is only weeping) basiert auf einem Text des persischen Mystikers Jalal al-Din Rumi aus dem 13. Jahrhundert, Nr. 7 (And the mother did weep) bringt nur eine Textzeile, die in verschiedenen Sprachen gesungen wird, Nr. 9 (Are you lost out in darkness?) entstammt dem babylonischen Gilgamesch-Epos und Nr. 10 (Ave Verum) ist eine Choralbearbeitung des liturgischen Ave verum corpus, die Jenkins ursprünglich für den Bassbariton Bryn Terfel komponiert hat.
Jenkins vertraut die Texte zwei Solistinnen sowie dem Chor an, die vom Orchester begleitet werden. Im Konzert hören Sie die Fassung für Kammerorchester, die der Komponist selbst eingerichtet hat. Ungewöhnlich ist der Einsatz historischer Instrumente und harmonischer Skalen, die der Musik des Mittleren Ostens entstammen. Weitere Anleihen nimmt Jenkins bei der populären Musik, was sich in ostinaten Begleitfiguren, eingängigen Melodien und überraschenden harmonischen Wendungen ausdrückt. Nach seinem Studium an der Royal Academy of Music in London war der Komponist selbst über viele Jahre im Jazz- und Popmusikbereich tätig und komponierte unter anderem für sein Projekt Adiemus zahlreiche, zwischen allen Stilen stehende Werke. So zeigt sich auch sein Stabat Mater, das 2008 in Liverpool uraufgeführt wurde, als ein modernes und traditionelles Werk zugleich. Jenkins schafft es, den alten Text in die heutige Zeit zu transportieren und dabei den überzeitlichen Ausdrucksgehalt zu bewahren. Das Leiden Marias im Angesicht ihres sterbenden Sohnes wird hier sicht- und hörbar und eröffnet einen neuen und ungewohnten Zugang zur Passion Jesu Christi.
Dr. Daniel Fromme