Weihnachten
Alle Jahre feiern wir Weihnachten als das Fest der Liebe und des Friedens, in diesem Jahr allerdings vor dem Hintergrund brutaler und barbarischer Kriege. In allen Zeiten war Krieg eine der schlimmsten Geißeln, die die Menschen bedrängen. Das furchtbare Leid durch kaltblütiges Morden und gezieltes Zerstören, Foltern und Vergewaltigen lassen einen sprachlos und ohnmächtig zurück. An Stelle von Recht und Regeln herrscht hemmungslos willkürliche Gewalt. Hass ist der Zwillingsbruder des Krieges. Diplomatie wird durch Propaganda und Lügen ersetzt. Wer flüchtet und mit dem nackten Leben davonkommt, lässt seine Liebsten, Freunde und Verwandte, Hab und Gut, die Heimat zurück, wird aber in der Fremde von Sorgen, Kummer und Unsicherheit begleitet. Vom Leid des Krieges geschundene Menschen haben ihre Not zu allen Zeiten artikuliert: Bekannt dafür sind die Klage- und Fluchpsalmen (vgl. Ps 22). Zur Zeit des 30-jährigen Krieges dichtete Friedrich Spee: „O Heiland, reiß die Himmel auf… Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, o komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal.“ Zur Klage gesellt sich die Sehnsucht nach Frieden und das Nachdenken über die Segnungen des Friedens. Wenige Jahrzehnte nach dem Peloponnesischen Krieg (Athen gegen Sparta 431-404 v. Chr.) hat der Bildhauer Kephisodotos für den Marktplatz (Agora) von Athen eine bronzene Statue der Eirene mit dem Plutosknaben gefertigt. Eine in Rom aufgefunden Marmorkopie (vgl. Bild) befindet sich in der Glyptothek in München.
Eirene ist die Personifikation des Friedens und verkörpert seinen göttlichen Rang. Als Tochter des Zeus und der Themis ist sie Schwester der Dike (Gerechtigkeit) und Eunomia (Rechts- und Gesetzestreue). Sie ist verantwortlich für das Wohlergehen und den Wohlstand der menschlichen Gemeinschaft. In der griechischen Literatur werden ihre Gaben vielfach gepriesen. Eirene gilt als „Reichtumspenderin“ und wird oft mit Ploutos (Reichtum) verbunden. Die Botschaft lautet: Der Wohlstand ruht auf dem Arm der Friedensgöttin. Durch die Personifizierung und die Aufstellung der Figur im öffentlichen Raum wird eine kultische Verehrung ermöglicht, die das Bewusstsein und die Überzeugung der Gemeinschaft prägt: Der Friede ist kostbar, göttlich und menschenfreundlich. Die biblische Botschaft vom „Gott des Friedens“, vom „Friedensfürst“ steht damit auf einer Linie. Wenn wir in diesen Tagen singen „ja er kommt, der Friedensfürst…“ verleihen auch wir dieser jahrtausendealten Sehnsucht, Hoffnung und Überzeugung unseren lebhaften Ausdruck.
Die Hoffnung auf Frieden scheint jedoch in unserer krisengeschüttelten und von Kriegen heimgesuchten Welt utopisch zu sein. Wie soll Frieden werden? Wer kann Frieden stiften? Wenn auch von den „Kriegsherren“ derzeit wenig zu erwarten ist, haben wir alle die Möglichkeit, bei uns und in unseren engsten Lebenskreisen damit zu beginnen. Bedenken wir, wieviel Schaden durch Streit und Zwist in Ehen, Familien, unter Nachbarn etc. entsteht und wieviel Lebensenergie dadurch gebunden wird, so mahnt schon allein die Vernunft, den Frieden zu suchen und dies auch als permanentes Ziel in der Erziehung und im persönlichen Umgang miteinander im Auge zu behalten. „Mach´s wie Gott: Werde Mensch!“ Wenn viele diesem Appell folgen, hat die vom Kind in der Weihnachtskrippe ausgehende Friedensbotschaft entgegen aller Befürchtungen und Zweifel doch noch eine Chance.
So wünsche ich allen ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest und für das Neue Jahr alles Gute, Gesundheit, Glück und Gottes Segen.
Konrad Schillinger mit Familie