Siehe, dein König kommt zu dir
Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Auf den ersten Blick ein klassisches und beliebtes Adventslied. Betrachtet man das Lied nun etwas einschlägiger, etwas intensiver, dann entsteht jedoch eine Szene, die über die Adventszeit hinaus mehr noch an ein anderes Ereignis erinnert: an den Einzug Jesu in Jerusalem, den wir an Palmsonntag feiern. Eben jene Szene, die uns in Mt 21,1-9 begegnet.
Was will uns dieses Lied sagen? – Ich glaube, die Antwort auf diese Frage ist unschwer zu geben: Wir sollen ihm, Jesus, der zu uns kommt, Tür und Tor öffnen – und zwar Tür und Tor unseres Herzens. Wir sollen unseren Blick auf ihn hin neu ausrichten. Und das gilt zweifellos sowohl für die Advents- als auch für die Fastenzeit – beides Zeiten der persönlichen und inneren Vorbereitung: Wir sollen uns vorbereiten auf ihn, auf Gottes Sohn, auf sein Kommen, ihn sehnsüchtig erwarten und uns ihm öffnen. Und zwar nicht nur einen Spalt weit, sondern ganz. Wir sollen die Tore unseres Herzen aufreißen – bis zum Anschlag.
Jesus zog durch die Straßen und die Leute jubelten ihm zu, sie öffneten im wahrsten Sinne die Türen ihrer Häuser und die Tore ihrer Stadt, um ihn einzulassen. Sie öffneten sich diesem Jesus von Nazareth. Sie – so lesen wir es im Matthäusevangelium – breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, […] schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Sie feierten die Ankunft Jesu in ihrer Stadt. Sie feierten ihn als ihren König.
Doch sonderlich königlich kam Jesus überhaupt nicht daher. Er kam nicht auf einem mächtigen Schlachtross mit einer Krone auf dem Haupt. Nein, der Evangelist Matthäus greift bei der Beschreibung dieses Einzuges auf die Vision des Propheten Sacharja zurück: Der König, so heißt es dort, ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel.
Jesus kommt nicht als Triumphator, als Herrscher, als machtvoller König. Er kommt auf einem Esel, Sinnbild für einen gewaltlosen Friedenskönig und voller Bescheidenheit. Sein Einzug spiegelt keine Inthronisationsfeier wider – wie die Menschen es wohl erwartet haben. Im Gegenteil: Jesu Weg führt nicht nach „oben“, sondern nach „unten“; führt nicht in die Macht, sondern in die Ohnmacht. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche und im Gegensatz zu den Menschen und auch zu seinen Jüngern, die trotz aller Andeutungen Jesu nicht begreifen wollten, weiß Jesus genau, wohin sein Weg ihn führt: in Tod und Auferstehung.
Und in diesem Einzug spiegelt sich auch gleichsam die Szene der Heiligen Nacht wider. Jesus, Gottes Sohn, kommt zu uns – unscheinbar und unaufdringlich. Nicht groß und erhaben offenbart sich der allmächtige Gott, sondern bescheiden und demütig.
Wie die Menschen aus Jerusalem müssen auch wir ihm die Tür, unsere Herzen öffnen. Denn nur so, durch unsere Offenheit und Bereitschaft, ihn einzulassen, kann er wahrhaftig bei uns selbst und in dieser Welt ankommen. Er ist wahrlich ein König – und letztlich unendlich viel mehr als die Menschen in Jerusalem es sich hätten vorstellen können.
Pastoralpraktikant Michael Gutting